Tag 15: Gieselauschleuse - Kiel: Angekommen!
Oliver Hankeln
Heute steht die letzte Etappe der Reise an. Und auch die, vor der ich am meisten Respekt habe. Die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welr, der Nord-Ostsee-Kanal. Der Liegeplatz an der Gieselauschlezse heute Nacht war gemütlich, aber ohne Komfort. Immerhin gab es Toiletten. Am Abend habe ich noch einen kleinen 350W-Wechselrichter eingebaut, um Nachts Strom für meine CPAP-Maschine zu haben.Nachdem ich kurz die Sicherung gegrillt habe, weil ich natürlich noch den Heizlüfter an der Mehrfachsteckdose angeschlossen hatte, hat das dann aber gut funktioniert.
Der Lüfter ist relativ laut, aber wenn nur wenig Leistung entnommen wird, ist es ok.
Um 9:23 werfe ich die Leinen los und fahre zum großen Kanal. Als ich ankomme, kommt gerade ein Frachter von Steuerbord, danach ist aber in beide Richtungen alles frei und ich kann ohne Hektik einfahren.
Und dann merke ich: Hektik ist heute hier nicht. Mir begegnen kaum Schiffe, dafür kommt man denen aber ungewöhnlich nahe. An einer Weiche wird es ein bisschen spannend. Die Ausfahrt für Verkehrsgruppe 2 und höher ist verboten und es liegen zwei wartende Schiffe da.
Gerade als ich zum Überholen ansetze, startet das vordere der beiden seine Schraube, um mehr an den Rand der Weiche zu gehen und der Gegenverkehr kommt in Sicht.
Da möchte ich gar nicht dazwischen durchfahren - deshalb bleibe ich hinter den Schiffen und drehe enge Kreise, um auch bei Sog manövrier- und damit reaktionsfähig zu sein.
Ansonsten aber: tote Hose.
Durch Zufall bekomme ich mit, dass die Bundeswehr die Presse belügt. Am Montag war ein Pressetermin zum Auslaufen des Minenjagdbootes “Fulda” in Kiel, heute, am Freitag, kommt es mir entgegen. Wenn die nicht gerudert sind, stimmt da irgendwas nicht.
Die Fähren sind interessant. Ich habe davon gelesen, dass man nicht mit Ausweichen oder Geschwindigkeitsänderungen reagieren soll, weil die schon wüssten, was sie tun (ich habe Vorfahrt) - aber gefühlt fahren die schon sehr knapp vor oder hinter mir durch.
In Rendsburg hängt an der Hochbrücke eine Schwebefähre. Das sieht witzig aus, auch wenn ich nicht verstehe, warum die Fähre knapp über dem Wasser langfährt und nicht direkt unter der Brücke - das würde Drahtseil sparen und die könnten ungestörter hin- und her fahreen.
Dann schließlich kommen die riesigen Schleusen in Sicht - ich habe aber noch gut 10 Minuten Fahrt vor mir, bis ich ankomme. Die Nordschleuse ist offen, das Lichtsignal ist ein weißes, unterbrochenes Licht: das Signal für Sportboote einzufahren. Ich fahre also auf die Schleuse zu, gehe aber davon aus, dass ich die nicht mehr rechtzeitig erreichen werde. Doch: der Schleusenwärter scheint ein netter Mensch zu sein: er wartet die 10 Minuten auf mich und so liegen wir dann mit 5 Sportbooten und ohne Berufsschiffahrt in der Kammer die direkt nach mir auch geschlossen wird.
Hier gibt es leider keine Poller oder Klampen, über die man die Leinen werfen könnte, sondern Ringe, durch die man seine Festmacher fädeln muss. Zum Glück hilft mir ein freundlicher Kollege vom Boot vor mir. Auch ich bin von meinem Boot heruntergeklettert und will die Windtänzer provisorisch an den vertikalen Ketten, an denen die Stege aufgefädelt sind, festmachen. Und prompt: stehe ich bis zum Knie im Wasser! Wenn die Stege an den Ketten aufgefädelt sind, dann müssen die Stege logischerweise auch Löcher für die Ketten haben. Ich war so auf die Kette und meine Leine fixiert, dass ich natürlich direkt hineingetreten bin. Außer meinem Stolz ist glücklicherweise nichts verletzt worden und der Rest des Schleusenvorgangs ist komplett unspektakulär.
Als ich aus der Schleuse herauskomme merke ich den Ostwind, der mir schon den ganzen Tag um die Nase geweht ist noch deutlicher: es ist überraschend kabbelig, aber ich habe nur noch ein paar hundert Meter Fahrt zum neuen Liegeplatz.
Im Hafen dann: der Liegeplatz ist belegt, kein Hafenmeister mehr hier. So habe ich keinen Chip, um die Sanitäreinrichtungen zu benutzen und liege am falschen Liegeplatz.
Aber am nächsten Abend ist das andere Boot weg und ich kann umziehen - und den Chip hole ich mir, wenn ich wieder beim Boot bin.
Jetzt erstmal per Videokonferenz mit meiner Frau auf die Reise anstoßen: knapp 374 Seemeilen oder 692 Kilometer liegen in meinem Kielwasser, die niederländischen Kanäle, das ostfriesische Wattenmeer, Helgoland, die Eider und jetzt auch der Nord-Ostsee-Kanal. Dabei bin ich an ungezählten Brücken durchgekommen sowie durch zehn Schleusen.
Fast alles davon bin ich einhand gefahren. Deshalb bin ich heute müde, aber glücklich und auch ein bisschen stolz und freue mich schon auf die nächste Reise mit der Windtänzer - diesmal an der Ostsee!
Dieser Post ist Teil der Serie "hindeloopen-kiel"
- Tag 1: Von Hindeloopen nach Sneek: Aufbruch! (16 sm)
- Tag 2: Von Sneek nach Leeuwarden: Adrenalin! (20.9 sm)
- Tag 3: Von Leeuwarden nach Dokkum: Bilderbuchfriesland (11.7 sm)
- Tag 4: Dokkum Richtung Groningen: Auf ins Idyll! (22.7 sm)
- Tag 5: Schouwerzijl - Groningen: Wenn´s mal wieder länger dauert... (7.7 sm)
- Tag 6: Groningen - Delfzijl: Die Horrorschleuse (18.7 sm)
- Tag 7: Delfzijl - Emden: Auf der Suche nach der Schatzkarte (10.2 sm)
- Tag 8: Emden - Borkum: Auf zu den Inseln! (26 sm)
- Tag 9: Borkum - Norderney: Endlich Segeln! (41 sm)
- Tag 10: Norderney - Helgoland: Die Hochseeinsel (46 sm)
- Tag 11. Helgoland - Büsum: ... (36 sm)
- Tag 12: Büsum - Tönning: ... (41 sm)
- Tag 13: Tönning - Süderstapel: Wettlauf mit der Zeit (21 sm)
- Tag 14: Süderstapel - Gieselauschleuse: Wanderfluss (21 sm)
- Part 15: Dieser Artikel (34 sm)