Hindeloopen - Kiel: Tag 13
Oliver Hankeln
Tönning - Süderstade: Wettlauf mit der Zeit
Tönning liegt zwar an dem Fluss Eider, ist aber den Gezeiten unterworfen. Auf meinem Weg zur Binneneider, die keine Tiden hat sind drei Brücken und eine Schleuse zu passieren. Leider sind die Bedienzeiten der Brücken und die Gezeiten nicht aufeinander abgestimmt. Vermutlich bin ich also für ein paar Tage hier “gefangen”. Aber der Reihe nach:
Laut BSH war für heute das Hochwasser für 17:38 vorhergesagt. Die Brücke in Tönning und die Straßenbrücke in Friedrichstadt werden aber nur bis 17:00 bedient. Natürlich kann ich schon vor Hochwasser los - 1,50m Wassertiefe reicht mir. Geschätzt also: ca. zwei, vielleicht zweieinhalb Stunden vor Hochwasser kann ich starten. Und für den Weg nach Friedrichstadt brauche ich auch: ca. 2 Stunden - wenn ich die Strömung durch die Tide nicht mit einreichne - aber auch keine Wartezeiten vor der Eisenbahnbrücke und an der Brücke in Tönning.
Das sieht nicht gut aus. Und die nächsten Tage sind noch schlimmer: jeden Tag verschiebt sich das Hochwasser um ca. 45 Minuten. Und weil die Brücken “erst” ab 8:00 bedient werden ist das Hochwasser um 5:30 auch keine Option: direkt neben der Hafenausfahrt in Tönning ist die erste Brücke, an der es dann erst ab 8:00 und mit massivem Gegenstrom losgehen würde.
Also mache ich das Beste aus der Zeit in Tönning und schaue mir das sehr sehenswerte Multimar Wattforum an und schaue zu, wie die Fischotter gefüttert werden und witzige Kunst im Museumsgarten.
Zwischendurch mache ich einen Abstecher in den Hafen und siehe da: die Windtänzer steckt bis Oberkante Ruderblatt im Matsch. Heute Nacht hat sie das auch schon gemacht, aber ich habe davon nichts mitbekommen, sondern gut geschlafen.
Nach dem Museumsbesuch gehe ich wieder an Bord und starre gebannt auf den Tiefenmesser. Zwei Stunden vor Hochwasser wäre ca. 15:38 - viel zu spät, um los zu fahren, weil es auch keine Orte zum Anlegen zwischen hier und der Schleuse in Nordfeld gibt. Es gibt zwar den Hafen in Friedrichstadt, aber der liegt hinter einer Schleuse, die bis zum Muttertag nur bis 15 Uhr bedient wird.
Mein Limit ist also: wenn ich vor 15:00 schwimme, geht es los. Wenn nicht, dann bleibe ich wohl bis zum Wochenende hier in Tönning. Es gäbe schlimmere Schicksale.
Und mein Starren auf den Tiefenmesser scheint zu wirken: um 14:20 hab ich 1,60m und ich mach mich abfahrtbereit. Das Stromkabel schmeiße ich einfach in die Backskiste, ohne es ordentlich zusammenzulegen. Zukunftsoli wird’s richten.
Und dann geht es los, das Trockenfallen hat der Windtänzer offenbar nicht geschadet. Dank Strom von hinten komme ich sehr gut voran und ich bin bereits 15:50 an der Eisenbahnbrücke in Friedrichstadt. Dort muss ich auf den 16:20-Zug warten, bevor es weitergeht.
Ich wende das Boot und schaffe es mit wenig Gas im Tidenstrom und relativ starkem Seitenwind, die Windtänzer ziemlich exakt an ihrem Platz zu halten - ohne Kreise zu drehen oder ständig hin- und herzufahren. Das macht Spaß und ich bin auch ein bisschen stolz auf meine meisterhafte Bootsbeherrschung ;-) .
Nachdem sich die Eisenbahnbrücke öffnet - und dabei beunruhigend wackelt - ist es klar, das mein Plan aufgehen wird. Die paar hundert Meter bis zur Straßenbrücke schaff ich locker vor 17:00 und die Schleuse ist sowieso kein Problem - die wird bis 19:00 bedient.
Deshalb fällt jetzt die Anspannung ein wenig von mir ab und ich kann endlich die Landschaft genießen. Ganz anders als das Wattenmeer - und auch ganz anders als die Flüsse, die ich so kenne. Weit und doch irgendwie behütet.
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Mir gefällt es hier, aber ich will weiter und freue mich, als sich die Tore der Schleuse hinter mir schließen und ich die Rechnerei mit den Gezeiten erstmal nicht mehr brauche.
Die Binneneider hat einen ganz anderen Charakter als der ursprünglichere Teil vor der Schleuse: ein sehr breiter, ruhiger Fluss, an den Ufern Bäume und Sträucher. Wirklich schön. Hier könnte man auch gut Kanuwandern (Wildwasser gibt es hier aber - zum Glück - nicht).
Heute fahre ich bis zum kleinen Örtchen Süderstade, wo ich in einem Hafen festmache, der ein tolles Preis-/Leistungsverhältnis hat: 13,50€ für eine Nacht, inklusive Strom, Wasser, Toiletten, Duschen und WLAN. Das ist fair. Leider finde ich keinen Code für das WLAN, aber vermutlich bin ich nur blind, und ich suche nicht wirklich - mein Handyhotspot ist gut genug.
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