Tag 10: Norderney - Helgoland: Die Hochseeinsel
Oliver Hankeln
Heute steht die große Überfahrt nach Helgoland auf dem Programm. Der Hafenmeister hat mir den Tipp gegeben, dass wir bei wenig Wind (den wir haben) mit dem letzten ablaufenden Wasser, ca. eine Stunde vor Niedrigwasser durchs Gatt raus könnten. Nur bei der Tonne D1 dürfen wir nicht abkürzen, sondern müssen die Kurve gut ausfahren.
Wir sind auch gut rausgekommen - die Kurve bei D1 haben wir auf dem Schirm gehabt, sind die aber scheinbar nicht gut genug ausgefahren. So hat es dann gerumpelt, wir sind aber über den Sand drüber gekommen, waren aber spätestens dann wach :-) - Hier muss man tatsächlich deutlich östlich der 2m Linie bleiben - trotz nur 1,5m Tiefgang und ca. 1h vor Niedrigwasser.
Danach war aber erstmal Entspannung angesagt: das Wasser wurde tiefer und Schiffsverkehr war auch nicht viel. Auf dem Weg nach Helgoland liegt aber noch das Verkehrstrennungsgebiet “Terschelling-German-Bight”. Verkehrstrennungsgebiete sind quasi die Autobahnen der Weltmeere: man darf nur in einer Richtung fahren, es gibt einen Mittelstreifen, etc. Da wollten wir nicht durch, sondern östlich vorbei. Also haben wir die Tonne TG9/Weser 2 angepeilt und wollten an der vorbei. Schon eine Stunde, bevor wir da waren sahen wir den Verkehr im VTG: sechs riesige Containerschiffe an Backbord, 18(!) Schiffe auf Steuerbord. Entsprechend waren wir (oder zumindest ich) ein bisschen angespannt und ich habe schon überlegt, ob ich einen Funkspruch absetzen soll, damit die uns alle auf dem Schirm haben.
Aber irgendwie war es komisch: da waren zwar jede Menge Schiffe, aber es wirkte so, als würden die sich gar nicht bewegen. Und so war es dann auch: irgendwann waren wir nah genug dran, dass wir die Ankerkette des nächsten Schiffs sehen konnten. Die Schiffe warteten alle auf einen Einsatz. Mit der Erkenntnis waren wir gleich deutlich entspannter und konnten recht nah am ersten Schiff vorbei.
Meine Vermutung, dass wir ab da für einige Zeit kein Land sehen würden - aber ich lag falsch: Helgoland ließ sich ziemlich bald am Horizont erahnen.
Der Hafen von Helgoland ist überraschend klein - die Insel ist in aller Munde, aber Platz für Boote gibt es nicht viel. Ganz hinten am Steg liegt aber eine andere Jacht, nicht wirklich platzsparend.
Wir sprechen den Kollegen an, ob es vielleicht sein Boot verholen kann, was er dann auch macht und so können wir zwischen seinem Boot und dem Päckchen, das als nächstes kommt, bequem anlegen. Wir freuen uns, noch einen guten Liegeplatz ergattert zu haben, als die Hafenmeisterin kommt und uns sagt, dass das nicht geht, und wir ins Päckchen gehen müssten. Die einzige Begründung, warum wir nicht hintereinander liegen dürfen ist: “Das ist nur ein Liegeplatz!”
“Ist halt so” ist schon immer eine Begründung gewesen, mit der ich nicht gut umgehen kann. Aber sie ist die Chefin im Hafen und so bauen wir nochmal alles um und gehen ins Päckchen. Jetzt liegen wir am Steg und das andere Boot macht bei uns fest.
Das ist meine erste Erfahrung mit Päckchenliegen und während das technisch nicht schwierig ist, finde ich es nervig: Segeln ist für mich gelebte Unabhängigkeit. Im Päckchen hab ich das aber nicht: ständig laufen andere Leute über mein Boot (oder ich über fremde Boote) - man kann nicht mehr ablegen, wann man möchte, sondern muss sich absprechen, …
Zu Himmelfahrt oder ähnlichen Anlässen gibt es dort wohl Päckchen von bis zu 20 Schiffen. Dabei ist im Hafenbecken eigentlich genug Platz, noch mehr Schwimmstege auszulegen.
Das ist kein guter erster Eindruck. Und dass es auch der einzige Hafen auf der Reise ist, in dem man für Toilettennutzung bezahlen muss (1€), für’s Duschen sowieso (0,50€/Minute + Toiletteneintritt) und auch der Strom unverschämt teuer ist (1€ für 0,75 kWh) komplettiert das Bild (und das, obwohl auf der Insel keine Mehrwertsteuer anfällt).
Die Insel selbst hat zwei Aspekte: einmal ist das wohl wegen der fehlenden Steuer ein Shoppingparadies für Schnaps, Markenklamotten und Parfum. Also: uninteressant für mich.
Aber: die Insel ist zwar klein, der Ausblick vom Oberland über das Meer ist aber atemberaubend und der Lummenfelsen ist es auch wert, dass man ihn gesehen hat.
Trotzdem werde ich die Insel vermutlich nicht allzu oft besuchen. Die Fahrt heute war mit 46 sm meine Längste.
Dieser Post ist Teil der Serie "hindeloopen-kiel"
- Tag 1: Von Hindeloopen nach Sneek: Aufbruch! (16 sm)
- Tag 2: Von Sneek nach Leeuwarden: Adrenalin! (20.9 sm)
- Tag 3: Von Leeuwarden nach Dokkum: Bilderbuchfriesland (11.7 sm)
- Tag 4: Dokkum Richtung Groningen: Auf ins Idyll! (22.7 sm)
- Tag 5: Schouwerzijl - Groningen: Wenn´s mal wieder länger dauert... (7.7 sm)
- Tag 6: Groningen - Delfzijl: Die Horrorschleuse (18.7 sm)
- Tag 7: Delfzijl - Emden: Auf der Suche nach der Schatzkarte (10.2 sm)
- Tag 8: Emden - Borkum: Auf zu den Inseln! (26 sm)
- Tag 9: Borkum - Norderney: Endlich Segeln! (41 sm)
- Part 10: Dieser Artikel (46 sm)
- Tag 11. Helgoland - Büsum: ... (36 sm)
- Tag 12: Büsum - Tönning: ... (41 sm)
- Tag 13: Tönning - Süderstapel: Wettlauf mit der Zeit (21 sm)
- Tag 14: Süderstapel - Gieselauschleuse: Wanderfluss (21 sm)
- Tag 15: Gieselauschleuse - Kiel: Angekommen! (34 sm)